Die konventionelle Betriebswirtschaft sagt: Konzentrieren Sie sich auf Ihr Geschäft, bilden Sie eine Kernkompetenz, binden Sie nicht zu viel Kapital, maximieren Sie die Umsatzrendite. In turbulenten Zeiten aber kann diese Art BWL in die Sackgasse führen, etwa wenn vermeintlich unrentable Kundenbeziehungen im Interesse der Rendite geopfert werden.
Viele Familienunternehmen verhalten sich deshalb anders. Sie tun das Gegenteil dessen, was die BWL empfiehlt - und haben gerade damit Erfolg. So pflegen sie etwa eine fast übertriebene Kundennähe (Bego, ein über 100 Jahre altes Familienunternehmen aus Bremen), haben aberwitzig hoch wirkende Eigenkapitalquoten (Trigema, deutscher T-Shirt- Hersteller) oder lassen Mitarbeiter ihre Jobs an Kinder und Enkel weitervererben (Käthe Kruse, Puppenhersteller).
Trendletter-Prognose: Dieses Muster wird sich für das kommende Jahrzehnt als Überlebenssicherung erweisen. Das Verhalten gegen die herrschende Regel ist der Garant dafür, dass das Unternehmen gegen Schocks von außen geschützt wird und sich am langfristigen Erhalt des Geschäfts orientiert.
Wo es sich lohnt, Regeln der BWL zu missachten
1. Übertreibung: Eigenkapitalquote > 60 Prozent Nutzen: Sicherheit vor Störung durch Banken, Finanzierungskraft für Wachstum, Polster für Krisen
Konventionelle Sicht: Überfinanzierung, immobiles Kapital, kein Leverage-Effekt
2. Übertreibung: Verzicht auf jährliche Maximalrendite Nutzen: sichert die langfristige Existenz auch in Krisenzeiten
Konventionelle Sicht: keine ausreichende Entlohnung der Kapitaleigner
3. Übertreibung: synergiefreie, abgegrenzte Geschäfte Nutzen: diversifiziert Vermögen der Eigentümer, schützt vor Risiko
Konventionelle Sicht: keine Kernkompetenz-Vorteile
4. Übertreibung: Jahrzehnte dauernde Loyalität zu Mitarbeitern Nutzen: Mitarbeiter gehen mit dem Betrieb durch dick und dünn
Konventionelle Sicht: zu teuer, zu statisch
5. Übertreibung: Firma als Familie Nutzen: Mitarbeiter fühlen sich sicher, wagen Innovation, gehen die Extra-Meile
Konventionelle Sicht: Folklore, die nichts bringt
6. Übertreibung: Unternehmer halten langjährigen, sehr persönlichen Kundenkontakt Nutzen: Quelle für Zusatzgeschäft, neue Produktideen und Bindung
Konventionelle Sicht: zu teuer, Kunden in A/B/C segmentieren, nur A-Kunden hofieren