Wertekommission: “Im Alltag ist keine Zeit für wertorientiertes Verhalten”

von Axel Gloger

Werte und Moral finden im Alltag kaum statt. Das fanden die Verantwortlichen der Wertekommission in einer Studie heraus.

Ihr Ergebnis: „Mehr als zwei Drittel der jungen Führungskäfte erleben keine werteorientierte Führung durch das Top-Management“, lassen die Autoren Mathias Bucksteeg und Kai Hattendorf, beide Vorstandsmitglieder der Wertekommission, in ihrer Führungskräftebefragung 2009 verlauten (506 Befragte, Alter zwischen 26 und 40).

Mitschuld an dieser fatalen Lage ist die Unternehmenskommunikation. Dass die interne und externe PR für einen Transport von Werten sorgt, konnten nur 34 Prozent der Befragten bestätigen.

Einige Detailzahlen liefern einen tiefen Blick in die gequälte Seele des Managers: Durch den Druck des Alltags wird er gezwungen, moralische Werte wie Rechtschaffenheit, Fairness und menschliches Maß an der Firmentüre abzugeben.

Die Antworten auf die Fragen der Wertekommission lassen keinen Zweifel - werteorientiertes Verhalten wird blockiert durch:

o „Verhalten des Chefs“ sagen 38 Prozent
o „deutliche Profitorientierung“ sagen 36 Prozent
o „drohenden oder beführchtetem Personalabbau“ sagen 30 Prozent
o „Differenzen zwischen den eigenen Werten und den offiziellen Zielen des Unternehmens“ sagen 29 Prozent (Mehrfachnennungen)

Es hat sich also seit den Tagen von Bertold Brecht nichts geändert.

„Wie ihr es immer dreht und immer schiebt – erst kommt das Fressen, dann die Moral“, lässt Brecht den Gaunerchef Mackie Messer auf die Frage antworten, wovon der Mensch lebe.

Dieses Zitat stammt immerhin aus dem Jahr 1928, als Brechts Dreigroschenoper zum ersten Mal aufgeführt wurde; die Grundmotive im Werk des großen Schriftstellers sind die, die auch heute noch gelten: der immer hefigter werdende Konkurrenzkampf und die zunehmende Härte im menschlichen Umgang.

Auch die heutigen Manager müssen fressen, dafür werden sie durch den Drill des BWL-Studiums ausgebildet.

Es geht immer erst einmal darum, dass auf dem Gewinn- und Verlustkonto die Seite mit den Erlösen mehr Euro ausweist als die Seite mit den Kosten. An diesem Streben wird auch der Harvard-Eid nichts ändern. „Der Schwur ist ein nettes Symbol, nicht mehr“, sagt Professor Jürgen Weibler von der Fernuniversität Hagen, der die Werteorientierung in einigen Analysen untersucht hat.

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