von Axel Gloger
Je höher die Eigenkapitalquote, desto sicherer das Unternehmen – so lautet eine gängige Einsicht. Unternehmer, die auf der rechten Seite ihrer Bilanz genügend Eigenmittel ausweisen, machen ihrer Bank Freude und haben ein Polster für schlechte Zeiten.
Aber auch in der Bilanz gibt es einen Sättigungseffekt. „Ein Eigenkapitalpolster ist gut. Aber zu viel Eigenkapital kann ungesund sein“, so lautet die Botschaft einer Studie, die Intes durchgeführt hat, eine auf Familienunternehmen spezialisierte Beratungsgesellschaft.
Die Bad Godesberger Consultants liefern einen Befund, der überrascht: „Jeder zehnte Betrieb hat eine Eigenkapitalquote von 70 Prozent und mehr“, beschreibt Matthias Redlefsen, Mitautor der Studie und heute Geschäftsführer der Ernst Benary Samenzucht GmbH, Hannoversch Münden, wie mancher Unternehmer Sicherheiten auftürmt, die an die Goldbestände in Fort Knox erinnern.
Solche Inhaber sind oft getrieben von der Angst vor unsicheren Zeiten.
Denn die Risiken knapper Eigenmittel stehen vielen Unternehmern vor Augen: „Manchmal sind von 1000 Euro Bilanzsumme nur 100 Euro und weniger Eigenkapital“, sagt Klaus Broich, Wirtschaftsprüfer bei Cura Broich Boll Uhler, Bonn.
Als Folge solcher Kapitalanämie entstehen Schwächeanfälle – etwa dann, wenn Rechnungen zu spät gezahlt werden oder große Kunden wegbrechen. „Eigenkapitalmangel ist ein Dauerthema speziell in der deutschen Wirtschaft“, bestätigt Ulrich Hommel, Professor für Unternehmensfinanzierung und Kapitalmärkte an der European Business School (EBS) im Rheingau.
Also müsste das Gegenteil davon, viel Eigenkapital, doch eigentlich gut sein. Doch es gibt Grenzen, wie Redlefsen weiß: „Vorsicht bei einer ungesunden Bilanzstruktur.“ Denn nach der gängigen Meinung reichen 35 bis 50 Prozent Eigenkapital aus, um als solventes und zukunftsfähiges Unternehmen dazustehen - manche Branchen kommen sogar mit deutlich weniger aus. „Wer in unserer Branche 20 Prozent Eigenkapital hat, ist schon sehr gut dran“, sagt Nils Bogdol, Inhaber des Gebäudereinigers Nils Bogdol GmbH, Holdorf, und beim Verband Die Familienunternehmer (ASU) Experte für Finanzierung.
Schon Quoten von über 50 Prozent erzeugen mitunter Stirnrunzeln; Rating-Agenturen und Banken dürften hier nachfassen. „Warum investiert der Unternehmer nicht mehr in Markt und Wachstum?“ lautet eine Frage, die Wirtschaftsprüfer Broich stellt, wenn er eine scheinbar so satt ausgestattete Bilanz sieht. „Chancen vom Markt werden nicht wahrgenommen“, ergänzt Professor Hommel die Deutung der mit Eigenkapital gesättigten Bilanz.
Die Alternative liegt auf der Hand: Ein Unternehmer könne, ohne sein Geschäft zu gefährden, die Eigenmittel herunterfahren und das frei gewordene Geld in die Expansion stecken, so der Wissenschaftler von der EBS. In Zeiten zunehmenden Wettbewerbs auf vielen Märkten ist das ein sinnvolles Vorgehen.
Außenstehende, die ein Geschäft bewerten, sehen die überhohe Eigenkapitalquote deshalb eher als negatives Indiz. „Sie ist häufig Zeichen strategischen Stillstands“, sagt Broich. Besonders im Verein mit anderen Merkmalen führt das bei der Bewertung, etwa wenn es um Rating oder Verkauf geht, zu Punktabzug. Betriebe mit einem Inhaber jenseits der 60, der nichts mehr entscheiden mag und sich nicht auf Innovationen einlassen will, seien typische Kandidaten für eine derart ungesunde Bilanz. Unternehmer mit zu viel Eigenkapital ähneln reichen Hausbesitzern, die ihre Immobilie vergammeln lassen, weil sie zu geizig für eine Renovierung sind.
Überdies orten die Godesberger Berater noch einen anderen Risikofaktor:
Eine Bilanz mit 70 Prozent Eigenkapitalanteil und mehr deutet darauf hin, dass der Inhaber alles Geld im Betrieb stecken hat. Auch das ist ungesund. „Denn will der Unternehmer ausscheiden, ist er auch weiter auf ein Einkommen aus der Firma angewiesen“, sagt der Studienautor.
Für das Geschäft ist das eine Last, weil ständig betriebsfremder Aufwand anfällt. Intes rät darum jedem Unternehmer, frühzeitig vom Betrieb unabhängiges Vermögen aufzubauen. Das sei nicht nur für die Finanzierung des späteren Ruhestands wichtig – sondern auch für den Fall, dass der Unternehmer etwa durch einen überraschenden Unfall nicht mehr weiter arbeiten kann. Für beide Fälle sollte so vorgesorgt sein, dass das Geschäft damit nicht belastet wird.
Freilich bedeutet eine hohe Eigenkapitalquote auch unternehmerische Freiheit. Nicht auf das Wohlwollen der Bank angewiesen zu sein, ist in der Post-Krisen-Ökonomie ein dickes Plus. Denn der Unternehmer kann
- Wachstum aus eigener Kraft finanzieren
- Durststrecken sicher durchstehen
- Innovationen finanzieren
- und seine Unabhängigkeit sichern.
Deshalb ist die hohe Eigenkapitalquote in Zukunft ein willkommenes Sicherheitspolster. Mein Rat wäre: Widerstehen Sie den Verlockungen der Sirenen. Lassen Sie sich nicht auf jedes Angebot der Bank ein (Thema: “Finanzierung leveragen”), mit dem die Finanzleute bei Ihnen hineinmarschieren.
Die Evidenz liegt auf Ihrer Seite: Ohne die dicke EK-Quote hätte manches Unternehmen die Krise nicht so gut überstanden.
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