von Axel Gloger
In turbulenten Zeiten dürfen wir uns zurecht fragen: Was ist der Goldstandard des Unternehmertums, was sind die Zutaten für das Gelingen unter schwierigsten Bedingungen?
Eine Antwort darauf lieferte Nicolas G. Hayek, der kongeniale Gründer der Swatch Group, Retter der Schweizer Uhrenindustrie, Erfinder des Smart, der eigentlich Swatch-Auto heißen sollte.
Hayek ist am Montag vergangener Woche gestorben. Ein Tod, der ihm angemessen war. Er wurde während der Arbeit in seinem Büro aus dem Leben gerissen. Kein langes Leid. Ein würdiges Ende eines großen Lebens.
Das gibt mir Gelegenheit, einen Summenstrich unter Hayeks Leben zu ziehen. Wir können diesen Mann gar nicht genug würdigen. Unsere Wege haben sich in den letzten 15 jahren öfter gekreuzt. Für die breitere Öffentlichkeit habe ich das Lebenswerk Hayeks in der Zeitung DIE WELT gewürdigt, wenn Sie dieser ganzseitige Artikel interessiert, können Sie ihn hier (Klick!) nachlesen.
Für Sie als strategisch interessierten Leser darf ich das ergänzen:
Die von Hayek geprägten Muster werden noch lange in der Zukunft wirken. Hayek hat uns einen Entwurf erfolgreichen Unternehmertums vorgelegt, der auch auf viele andere Geschäfte anwendbar ist.
Eine Einsicht ist zentral:
Du kannst einen Markt drehen, wenn Du seine Gesetzte mit einem neuen Produkt neu definierst. So hätte Hayek wahrscheinlich die Quintessenz aus seinem Swatch-Erfolg formuliert. Wer aus einer scheinbar aussichtslosen Position heraus Erfolg haben will, sollte sich nicht mit der Anpassung an die herrschenden Bedingungen aufhalten. Präge neue, so lautet der Appell.
Das hat Hayek mit der Swatch getan. Aus der alten Regel “Du besitzt eine Armbanduhr fürs Leben” machte er die neue Regel “Du kaufst Dir immer mal wieder eine neue Armbanduhr, als Modeartikel!”.
Damit hat er den Markt gründlich aufgebohrt, sich die zusätzlichen Absatzpotenziale selbst neu geschaffen, ist dorthin gegangen, wo vorher noch keiner war. Weiße Flecken erobern lautet das Mantra, übrigens haben das auch Chan Kim und Renee Mauborgne in ihrem Buch “Blue Ocean Strategy” im Detail beschrieben.
Was noch?
Er hat gegen die herrschende Doktrin das getan, was sein gesunder Menschenverstand für richtig hielt. Er hat sich nicht von einer herrschenden McKinsey-Lehre lenken lassen, sondern hat sich eigene Gedanken über seinen Weg gemacht.
Beispiel: Die Produktion seiner Swatch (Markteinführung 1983) siedelte er nicht, wie jeder Unternehmer es getan hätte, in Japan an. Japan war das damalige China, für den Uhrenmarkt zumal. Alle billigen Quarzuhren kamen aus Japan.
Hayek aber stellte sich eine andere Agenda: Er wollte Schweizer Qualität. Er wollte die Produktion dort ansiedeln, wo er lebt, damit die Menschen in seiner Umgebung Arbeit haben und sein Zuhause in einem funktionierenden, nicht durch Produktionsverlagerung verarmten Gemeinwesen liegt. Er wollte volle Kontrolle.
Deshalb hat er die Quarzuhren-Produktion nicht nach Fernost gelegt, wie alle es taten, sondern in der Schweiz angesiedelt, in einem der weltweiten Höchstkostenländer – aber eben auch in einem Höchstqualitätsland! So konnte er in Rufweite von seinem Hauptsitz in Biel ganz gelassen eine Produktion aufbauen, die alle Automatisierungsvorteile ausschöpfte.
Überdies hat er eine heute gängige Lektion sehr gründlich und zukunftsweisend umgesetzt: Simplify! Für den großen Erfolg kommt es nicht darauf an, etwas Kompliziertes zu bieten. Das zeigt ja auch schon Aldi mit seinem extrem abgespeckten Grundsortiment.
Die Entstehung des Kundennutzens kann auf sehr einfachen Prinzipien beruhen, im Fall Swatch: Baue eine Uhr aus so wenig Teilen wie möglich. Für die Branche war das eine Revolution. Eine Uhr aus nur 50 Teilen, wo sonst mindestens das Dreifache nötig ist. Eine so am Simplify-Gedanken ausgerichtete Produktion hat die Kostensenkung schon eingebaut, da muss McKinsey gar nicht erst kommen!
TRENDLETTER-Empfehlungen für Ihre Praxis: Suchen Sie den Ansatzpunkt, von dem aus Sie die Regeln Ihres Marktes verändern können. Und: Eine zu einfache Vorgehensweise gibt es nicht. Ich habe in meiner Praxis immer nur zu komplizierte Vorgehensweisen gesehen. Suchen Sie danach in Ihrem Unternehmen, ändern Sie das, am besten sofort!