von Axel Gloger
In der Service- und Wissensgesellschaft ordnen sich die Präferenzen der Kunden neu. Darauf sollten sich Unternehmen heute schon einstellen.
Wie wird das Kundenverhalten neu geprägt?
Wissensarbeiter leben in einem ständigen Zustand der latenten Über-Information. Die Agenda des typischen Tages ist geprägt durch 24/7-Erreichbarkeit, eine ständige Vermischung von Arbeit und Privatleben und wertschöpfender Wissensarbeit an wechselnden Orten – teils im Büro, teils unterwegs. Freie Zeit-Slots im eigentlichen Sinne gibt es nicht mehr.
Diese Kunden haben ein neues Set von Erwartungen gegenüber Unternehmen, die ihnen Produkte und Dienstleistungen anbieten.
Worauf sollten sich Unternehmen, die in diesem komplexen Umfeld agieren, einstellen?
- Neuer Wettbewerbsfaktor: Seelenfrieden. Im englischsprachigen Raum gibt es dafür den schönen Begriff “hazzle free”. Das heißt: Der Kauf des Produktes oder der Dienstleistung soll schnell und vor allem stressfrei ablaufen. Kennzeichen: Der Kunde kann in einer Transaktion alles erledigen. Er muss keine überflüssigen Fragen beantworten. Das Unternehmen wälzt n i c h t einen Teil der Wertschöpfung (Arbeit!) auf den Kunden ab.
- Neuer Wettbewerbsfaktor: Zeitverbrauch beim Kunden. Das Angebot sollte immer sofort und ohne Zeitverzug zugänglich sein. Wartezeiten und Warteschlangen werden nicht geduldet. Der Kunde will nicht einen versteckten Preis in Form von unnötigen Zeitverbrauch bezahlen.
- Neuer Wettbewerbsfaktor: Emotions-Design. Das Unternehmen hat zwei Aufgaben: 1) Eine Leistung erbringen, die dem Kunden nützt. 2) Diese Leistung in einen Strom positiver einbetten. 3) Negative Erfahrungen gezielt eliminieren.
Es wäre nach diesen Prämissen nicht abwegig, das Ressort eines Chief Emotions Officers zu schaffen – ein Mitglied der CXO-Riege, das sich speziell der Gestaltung der Kundenerfahrung widmet. So werden die Wettbewerbsvorteile von morgen realisiert.
Neu ist die Verschiebung der Arbeitsfelder: Es geht nicht mehr um die Gestaltung der Leistung. Diese ist in vielen Fällen, gerade bei deutschen Unternehmen, speziell Hidden Champions, perfekt. Sondern es geht um die Gestaltung des Zugangs, des Umfelds des Kaufs, der Abwicklung, der Auftragserteilung und der Erreichbarkeit sowie der Kommunikation.
Wo können Unternehmer lernen, worum es bei Emotions-Design geht?
Verzichten Sie auf den teuren Kurs an einer Business-School oder einer MBA-Schule. An der ESMT oder der Harvard Business School können Sie das zwar sicher auch lernen. Aber es geht auch sehr viel direkter – die Praxis ist voll von direkt erlebbaren Fallstudien, die zeigen, worum es beim Wettbewerbsfaktor Seelenfrieden des Kunden und dem Wettbewerbsfaktor Zeitverbrauch des Kunden geht.
Wonach sollten Sie schauen? Beispiele:
> Geben Sie ein Paket bei einer Postfiliale auf. Studieren Sie den Prozess. Bilden Sie sich ein Urteil über die Gestaltung des Service-Ablaufs, die Effektivität des Mitarbeiter-Einsatzes. Hier finden Sie reichlich Material – durch schlechtes Beispiel. Der Service in den Post-Filialen ist oft mangelhaft. Überlange Warteschlangen, wie wir sie eigentlich nur aus der DDR kennen. Die Aufgabe eines Pakets bei der Post, eine Transaktion, die 2,5 Minuten dauert, erfordert eine Wartezeit von 25 Minuten. Die Mitarbeiter sind schlecht geschult. Dienstleistungs-Qualität ist offenbar nicht der Fokus ihrer Arbeit (Referenz: Post-Filiale Rathausstraße 5, 10178 Berlin).
> Beobachten Sie beim nächsten Auftrag an die Telekom den Ablauf des Service-Prozesses. Bei der telefonischen Auftragsvergabe wird Gerät A empfohlen, weil sonst die Anwendung nicht läuft. Eine erneute Kontaktaufnahme ergibt, dass das Gerät A nicht erforderlich ist. Der Techniker, der später zur Installation kommt sagt, es werde Gerät B gebraucht. Der Kunde geht in den T-Punkt. Es heißt nun: Gerät B sei nicht geeignet. Es sei Gerät C zu verwenden.
Das sind nur zwei von vielen weiteren Beispielen. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind in der Alltagspraxis der Unternehmen jeden Tag erlebbar. Um hier wertvolle Informationen für Ihre Praxis zu erhalten, brauchen Sie weder einen teuren Unternehmensberater noch das Wissen einer MBA-Schule – denn es zeigt sich wieder einmal: Viele Führungsthemen der Zukunft sind über den gesunden Menschenverstand zugänglich und lösbar.
Dazu diese Regeln für Ihr Umsatz-Erfolgs-Management von morgen:
- Beobachten Sie die Leistungen anderer Unternehmen mit den Augen des Kunden.
- Überlegen Sie ständig, welche Schlussfolgerungen Sie für Ihre Arbeit aus diesen Beobachtungen ziehen können. Der Alltag ist das ergiebigste Lernfeld.
- Nehmen Sie auch gegenüber den Leistungen ihres eigenen Unternehmens die Rolle des Kunden ein.
- Falls Ihnen das nicht gelingt, lassen Sie es Dritte erledigen. Verpflichten Sie diese, Ihnen sehr genau von ihren Beobachtungen zu berichten. Die authentischen Erfahrungen (Was hat funktioniert? Was hat nicht funktioniert? Was hat zu lange gedauert?) sollten für Sie eine wichtige Quelle für strategische Informationen sein!
Aus den Erfahrungen, die wir alle etwa mit Post, Telekom und auch Bahn gewinnen, zeigt sich: Offenbar ist es in großen Unternehmen besonders schwer, eine konsistent gute Kunden-Erfahrung zu erzeugen. Wann setzen Sie Ihren Chief-Emoitons-Officer ein?

