von Axel Gloger
Der große Management-Denker Ed Schein weilte kürzlich wieder einmal in Deutschland. Einer seiner seltenen Besuche bei uns! Ich hatte Gelegenheit, den Vordenker und Emeritus des MIT zu einem ausführlichen Gespräch zu treffen, das dankenswerter Weise die Bertelsmann-Stiftung organisiert hatte.
Der 82-Jährige (geboren in Zürich, Großmutter lebte in Bad Schandau!) ist ein intellektuelles Kraftwerk. Schein hat den Unternehmern von heute eine Menge wichtiger Einsichten mit auf den Weg zu geben.
So erklärte er mir die Rolle, die die Führungskraft in turbulenten Zeiten haben sollte: weniger knallharte Führerschaft, mehr Dirigent sein, so lautete die Botschaft. Lesen Sie einige Kerngedanken aus dem Gespräch:
Wenn die gute Führungskraft eher Coach und Hilfegeber ist als Rudelführer, wie sollte sie dann ausgestattet sein?
Ed Schein: Der gute General Manager kann dreierlei. Er ist ein guter Analytiker, der die Prozesse beherrscht. Er hat gute zwischenmenschliche Fähigkeiten, kann Mitarbeiter koordinieren – und er hat emotionale Kompetenz, kann mit Stress und Widerspruch umgehen …
… das klingt ganz nach dem Idealbild, das wir in jeder Stellenanzeige lesen, das aber in der Praxis sehr selten ist!
Ed Schein: Was den Nachwuchs angeht, haben sie recht. An den Business Schools wird nur der erste Teil gelehrt, wer einen MBA oder ein BWL-Studium absolviert hat, ist Analytiker und Prozessmensch. Die anderen Fähigkeiten lernt der Manager erst in der Praxis, das kann die Business School gar nicht leisten. Hier müssen die Führungskräfte durch Zeit und Erfahrung reifen.
Das ist ein interessanter Punkt. Was kann das Unternehmen durch Personalentwicklung dazu beitragen?
Ed Schein: In der Tat sollte die PE hier jene Mitarbeiter herausfiltern, die nicht nur gute Analytiker sind, sondern auch über interpersonale und emotionale Fähigkeiten verfügen. Diese sind die Kandidaten für die Führungspositonen. Die anderen, denen dieses Profil fehlt, sollten nicht dort hineingezwungen werden. PE sollte Talente nicht verbiegen. Wenn ein Ingenieur weiter als Ingenieur arbeiten will, sollte ihn die Firma nicht in eine Managementaufgabe lenken …
… und wo sehen Sie hier die Rolle der Weiterbildung?
Ed Schein: Corporate Education fängt dort an, wo Universitäten und Business Schools aufhören. Die Hochschule bringt ihren Studenten denken und analysieren bei. Mehr sollten wir hier nicht erwarten. Die Weiterbildung entwickelt dann jene Fähigkeiten, die in der Praxis benötigt werden – also etwa das Führen von Mitarbeitern, Kommunikation und das zielorientierte Arbeiten in Teams.
Nun vollzieht sich das Wirken der Führungskräfte ja nicht im luftleeren Raum. Welchen Beitrag leistet die Unternehmenskultur zum Führungserfolg?
Ed Schein: Sie liefert die Einbettung. Wo immer Menschen in halbwegs stabilen Beziehungen zusammenarbeiten, etabliert sich auch eine Kultur. Sie ist das Persönlichkeitsbild einer Organisation, das durch die Interaktion entsteht. So entstehen Kulturen, die das Geschäft behindern, und andere, die es begünstigen.

