von Axel Gloger
Bislang kamen Studenten aus Rumänien nach Deutschland, weil sie etwas Besseres haben wollten als in ihrer Heimat. Hier angekommen, wundern sie sich. Sie stellen fest: Deutschland ist im Begriff, seine Universitäten auf rumänisches Niveau herunter zu nivellieren. Das ist eine Folge der Bologna-Reform, die ein europaeinheitliches und -kompatibles Hochschulsytem vorschreibt.
In vielen Studiengängen fehlt heute, Bologna sei Dank, ein Bestandteil, der den Erfolg eines ganzen Studiums ausmachen kann: Zeit. Die Universität im Bologna-Format erzeugt Fachlerner – Studenten, die sich im Expresstempo neues Fachwissen durch Auswendiglernen aneignen, bei Bedarf widergeben und nach kurzer Zeit wieder vergessen.
Die Studiengänge sind die Fortsetzung der Schule unter einem anderen Namen. Zeit, Ort und Stoff des Lernens werden genau vorgeschrieben und kontrolliert – schließlich gilt es ja, in der vorgeschriebenen Zeit die nötigen Credit-Punkte zu erwerben. Was in diesem System zu kurz kommt:
- selbstständig denken
- Sachverhalte in Frage stellen
- Lernen lernen
- Metawissen erwerben
Absolventen, die dieses System durchlaufen haben, erweisen sich mitunter als akademisch ausgebildete Apparatschiks, die auf einem abgegrenzten Gebiet ein Wissen erworben haben. Wie ein Pferd, das im Großstadtverkehr Wiens die Kutsche zieht, können die Absolventen nur in eine Richtung schauen. Scheuklappen hindern sie am Rundumblick.
Die Universität von morgen ist eine Fachwissensfabrik. Sie ist, Bologna sei Dank, daruf optimiert, möglichst großen Zahlen von Lernenden in einem industriell standardiserten Prozess in möglichst kurzer Zeit Wissen einzutrichtern. Nebenwege, Exkursionen auf unbekanntes Wissens-Terrain, das selbst entwickelte Studium sind unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich. Die Absolventen verlassen mit 22 Jahren die Universität, als Bachelor, angefüllt mit Spezialwissen, das kurzen Halbwertzeiten unterliegt.
Der Vorsprung des deutschen Hochschulsystems ist mit der Bologna-Reform zerstört. Das gründliche Lernen, die gute Theorie, das wissenschaftliche Studieren, all das hat in den Turbo-Bachelor- und Materstudiengängen keinen Platz mehr. Damit werden nicht nur Absolventen kleineren Formats produziert – auch die Abnehmer der Universitäten haben unter den Nachteilen zu leiden.
Flach und schnell ausgebildete Absolventen, denen Meta-Wissen fehlt, sind nicht jene Mitarbeiter, die den Wettbewerbsvorteil von morgen prägen. Sie sind schlecht ausgestattete Produkte eines Großversuchs, der sie zu einer verlorenen Generation macht. Es erscheint aus heutiger Sicht wahrscheinlich, dass Unternehmen einen Verlust ihres intellektuellen Kapitals erleiden, wenn sie nicht gegensteuern. Denn mit diesen Universitäts-Absolventen ist auf Dauer keine Weltmarktführerschaft zu halten.
TRENDLETTER-Einschätzung: Wenn Sie die Mängel des Bachelor-Systems auffangen wollen, sollten Sie Ihre Investitionen in Köpfe neu budgetieren. Um einen Bachelor aufzurüsten auf Weltmarktführer-Niveau, sollten Sie viermal so viel in die Personalentwicklung investieren wie bisher. Das ist bitter.
Unternehmen werden zum Reparaturbetrieb eines amputierten Universitäts-Systems. Aber Sie haben keine andere Wahl, wenn Sie Ihre Leistungsfähigkeit erhalten wollen.
Lassen Sie Ihre Personalmanager Ausschau halten nach geeigneten Weiterbildungs-Möglichkeiten, Master-Studiengänge, die nach ein paar Jahren Berufstätigkeit absolviert werden, sind ein geeigneter Weg. Lenken Sie Ihre Nachwuchskräfte hier nicht nur in Richtung neuen Fachwissens, das ebenso schnell veraltet wie jenes, das im Bachelor-Studium erworben wurde. Wichtiger ist Wissen mit langen Halbwertzeiten!
Credit Rumänien-Beispiel: Prof. Dr. Christian Scholz, Universität Saarbrücken.

