von Axel Gloger
Neue Bedingungen gelten für die Post-Lehman-Brothers-Ökonomie. Auch Unternehmer sollten sich daran ausrichten. Eine Botschaft erscheint aus Trendletter-Sicht besonders wichtig. Change-Management war lange Zeit der Inbegriff des guten, erfolgreichen Managements. Das aber gilt so nicht mehr. Viele Unternehmen litten in der Krise und davor an einer Überversorung. Es gab zu viel, nicht zu wenig Wandel. Dieser wurde künstlich angeheizt durch die nicht enden wollenden Change-Programme besonders in der Konzernwirtschaft.
Folge: Zu hoher Energieverbrauch in der Organisation, wegen übertriebener Reibung. Zu viel Anpassungsbedarf durch immer neue Veränderungsprogramme. Was in Zukunft gefragt ist: Stabilisierung. Der Organisation eine Ruhepol geben. Einen Anker schaffen, der das kulturelle und unternehmerische Zuhause absichert. Daran sollten sich sowohl Geschäftsführer und Vorstände als auch Berater halten. Wir haben in der Vergangenheit die Mitarbeiter und die Organisation überbelastet.
Auf die richtige Dosis kommt es an. Künftig werden jene Organisationen den Wettbewerbsvorsprung haben, die den Hunger nach Change drosseln können.
Torsten Groth vom Management Zentrum Witten (MZW) wies in seinem Eingangsstatement auf dieses Thema hin. Überdies zeigte er den Teilnehmern der “X-Organisation” (Kongresstitel), dass auch in einer anderen Dimension nicht ein Mehr, sondern ein Weniger nötig ist: “Wir haben zu viel Nomadendenken – und zu wenig Sesshaftendenken”. Was Groth meint: Viele Unternehmen sind auf den permanenten Austausch angelegt. Alle und alles will weiter. Mitarbeiter bleiben zwei Jahre, der Produktlebenszyklus ist nach 18 Monaten bis zur Sättigungsphase durchlebt, eine Partnerschaft nach 1,5 Jahren am Ende.
Weiter, weiter, weiter, so scheint in vielen unternehmerischen Disziplinen das Mantra zu lauten.
Aber ist das alles? Geht es nicht auch anders? Wagner-Pizza hat acht Jahre gebraucht, um seine Steinoffenpizza mit dünnem Knusperboden zu entwickeln. In einer Weiter-Weiter-Weiter-Organisation hätte es dieses Produkt nie gegeben. Dieses Beispiel zeigt: Es hat starke Vorzüge, wenn ein Unternehmen sesshaft bleiben kann. Wenn es an einem Projekt auch dann weitermacht, wenn sich kein schneller Erfolg einstellt, oder wenn es Mitarbeitern über die üblichen Zwei-Jahres-Karrierehäppchen hinaus ein Zuhause bieten kann.
Nur dann finden wirkliche unternehmerische Reifeprozesse statt.
Trendletter-Schlussfolgerung: Unternehmer werden in Zukunft deutlich mehr Sensibilität für die Paradoxien zeigen müssen. Mehr nur in einer Dimension wird dem Geschäft mehr schaden als nützen.
Credits: Management Zentrum Witten (MZW), Prof. Rudolf Wimmer, Prof. Fritz B. Simon, Torsten Groth, X-Organisation.

