Mit ‘Inflation’ getaggte Artikel

Finanzkrise 2.0 | Worauf sich Unternehmer für Ihre Planung einstellen sollten | Risikofaktor: Brüning-Syndrom

Montag, 10. Mai 2010

von Axel Gloger

Griechenland ist ein kleines Land. Seine Wirtschaftsleistung liegt, grob gerechnet, bei einem Zehntel der Leistung Deutschlands. Bedeutende Unternehmen hat Griechenland nicht. Das wertvollste Unternehmen an der griechischen Börse ist, Sie werden staunen, eine Coca-Cola-Abfüllfabrik. Das sagt viel über die Leistungsfähigkeit des Landes – und über sein Potenzial, auf der Weltbühne der Wirtschaft gestaltend mitzuspielen. Stellen wir fest:

  1. Das Land war, obwohl Niedrigkostenland, nie eine nennenswerte Outsourcing-Destination (anders als, interessanterweise, die Türkei).
  2. Für deutsche Exporteure ist es kein nennenswerter strategischer Markt.
  3. Wir verknüpfen große kulturelle Leistungen mit Griechenland. Aber die Neuzeit hat keine großen unternehmerischen Leistungen hervorgebracht.

Jetzt aber haften wir mit für die griechischen Schulden. Diese belaufen sich auf 70 Prozent des dortigen Bruttosozialproduktes. Der Prozentwert ist ein Indiz dafür, dass die Griechen a) sehr viel Geld aufbringen müssen, um sie zu finanzieren und b) es sehr lange dauern wird, bis sie auf ein verträglicheres Niveau herunter gefahren werden können.

Zudem sind die Maßnahmen, die jetzt von EU und IMF ergriffen werden, zwar richtig, weil alternativlos. Aber sie führen in erster Line dazu, dass Hellas nicht in noch höhere Schulden getrieben wird. Nicht aber dazu, dass die Rückzahlungsfähigkeit des Landes gestärkt würde, was eigentlich wünschenswert wäre.

Welches Szenario ist für Griechenland wahrscheinlich? TRENDLETTER-Einschätzung: Das Land wird alsbald vom Brüning-Syndrom befallen. Deflation, große Staatskrise, Zusammenbruch. Die Parallelen zur Politik des letzten Kanzlers der Weimarer Republik liegen durchaus auf der Hand: Heinrich Brüning (amtierte 1930 bis 32) wollte die Staatsfinanzen in Ordnung bringen, betrieb eine rigorose Sparpolitik und leitete damit eine Deflationsspirale ein, die von Massenarbeitslosigkeit und Destabilisierung der Gesellschaft begleitet wurde.

Deutschland wird das unmittelbar betreffen. Denn die 22 und mehr Millarden, die wir in das Land stecken werden, sind wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen verloren. Warum? Wolfgang Münchau, Kolumnist bei der Financial Times und ihrer deutschen Schwester sowie Mitgründer des Informationsdienstes Eurointelligence, weist auf folgende Tatsache hin: Die Geldanlage in diesen Krediten ist ein Hochrisikogeschäft. Angela Merkel, Guido Westerwelle und Rainer Brüderle haben uns das bislang wohlweißlich verschwiegen (den bemerkenswerten Artikel finden Sie hier, Klick):

Hintergrund dazu: Unsere Geldanlagen in Hellas-Staatspapieren sind von Anfang an faul. Sie haben auf dem Finanzmarkt nur den sogenannten Junior-Status. Heißt: Im Falle eine Staatspleite oder auch nur einer Teil-Insolvenz mit anschließender Restrukturierung der Schulden werden zunächst die A-Gläubiger bedient. Erst dann kommen die Besitzer der B-rangigen Junior-Papiere an die Reihe, werden dann aber feststellen, dass nichts mehr zu holen ist.

Damit gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass unser Geld futsch ist.

Was kommt? Auch Italien, Portugal, Irland und Spanien sind Problemkandidaten. Es ist dem historischen Zufall geschuldet, dass Griechenland zuerst faul wurde, ebensogut hätte es auch eines der anderen Länder als erstes treffen können. Alle genannten Länder vereint: Sie haben zu hohe Schulden. Sie werden sie zu aktuellen Konditionen nicht mehr voll bedienen können. Italien z. B. hat sich mit Zahlenkosmetik (vulgo: Schulden kleiner gemacht, als sie sind) den Zutritt zum Euro verschafft.

Schlussfolgerung: Europa braucht eine Schulden-Loswerde-Strategie. Schauen wir uns an, wie diese aussehen könnte:

  • Volle Rückzahlung? Bei den involvierten Beträgen und der geringen Neigung der Politik, Schulden jemals zu tilgen, fällt dieser Weg flach.
  • Wachstum? Im Prinzip eine gute Idee: Ein Wirtschaftswachstum von > 5% würde die Steuereinnahmen so stark sprudeln lassen, dass auch bei mäßiger Ausgabendisziplin noch Geld übrig wäre, um die Kredite zügig abzutragen. Nur einen Haken gibt es: > 5% wächst die Wirtschaft nur in China, nicht in der Alten Welt. Diese Option können wir also größtenteils vergessen. In jeder Dekade gibt es, wie die Erfahrung zeigt, mal ein oder zwei fiskalisch sehr gute Jahre. An diese schließt sich aber immer eine neue Krise an.
  • Inflation? Diese Lösung hat aus Sicht der Schuldner Charme: Man kann die Schulden von heute mit wertlosem Geld morgen zurück zahlen. Jedes Prozent Inflation wertet die Staatsschulden entsprechend ab, zerstört aber auch unsere Geldvermögen. Dennoch wird es darauf hinauslaufen, dass wir uns mittels Inflation der Staatschulden entledigen.

Als Ultima Ratio wäre auch ein Währungsschnitt denkbar.

Was bedeutet das für Unternehmer? Da Inflation Teil jeder Schuldenbeseitigungsstrategie sein muss, werden wir uns auf Geldentwertung einstellen müssen. Vielleicht nicht in den nächsten 5 Jahren, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Zeit danach.

Bedenken Sie dabei bitte: Eine Hyperinflation wie zu Weimarer Zeiten oder wie heute bei Dr. Mugabe in Zimbabwe ist für die Zwecke der Politik gar nicht nötig. Auch eine psychologisch vertretbar erscheinende, weil gerade noch milde wirkende Geldentwertung von 5 bis 7 Prozent im Jahr wird die Schulden über zehn Jahre hinweg zusammenschmelzen lassen wie den letzten Schnee unter der Märzsonne.

Hinweis für unsere regelmäßigen Leser: Wegen des Feiertags am Donnerstag, dem 13. Mai erscheint die nächste Ausgabe des Trendletter-Blogs am Montag, dem 17. Mai.