Mit ‘Konsum 2020’ getaggte Artikel

Konsumentenmärkte: Die Stadt von morgen hat keine Fußgängerzone mehr

Donnerstag, 29. April 2010

von Axel Gloger

“Schafft die Fußgängerzonen ab” ist eine durchaus radikale Forderung. Denn per heute gilt ja: Unsere Städte sind durch die Fußgängerzonen erst schön und lebenswert geworden. Das ist zumindest die Auffassung der Politiker, die in den letzen 40 Jahren dieses gigantische Umgestaltungsprogramm der Stadtkerne durchgezogen haben.

Es scheint jedoch, dass sich hier eine Wende vollzieht. Ich sehe die erste Stadt in Deutschland, die ihre Fußgängerzone wieder zurückbaut. Ja, genau, weg mit dem Mega-Fußweg, wieder eine richtige Straße rein, Autos rein, Leben rein, so lautet das Credo.

Ich werde mich im nächsten Trendletter ausführlicher mit dem Thema befassen. Schauen Sie in die Juni-Ausgabe auf die Seiten 2 und 3.

Vorab nur so viel auf die Schnelle, weil mir das Thema gerade unter den Nägeln brennt: Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass das Modell Fußgängerzone demnächst auf dem Schrott landet. Es passt nicht mehr zum Konsumverhalten einer alternden Wissensökomomie, die Kunden wollen etwas anderes als die Fußgänger-Ghettos, die abends tot sind und die unsere Innenstädte leblos, hektisch, austauschbar gemacht und mit einem Tsunami der großen, immergleichen Massenmarken überzogen haben.

Warum ist die Fußgängerzone (ähnlich übrigens das Shopping-Center) so schädlich für eine belebte, lebenswerte, urbane Stadt? Weil es den lokalen Mittelstand, die inhabergeführten Kleinhandelsunternehmen, die Diversität des Angebots, auch die lokale Besonderheit platt macht. Wir leben heute in einer Welt der immergleichen Deichmann-O2-Kik-Telekom-Bodyshop-McDonalds-Esprit-Tchibo Konsumlandschaft, die den Städten das wirkliche Leben aus ihren Adern saugt.

Sie wollen Beispiele? Gehen Sie mal nach Gerolstein in die Hauptstraße, nach Bonn in die Stern- oder Remigiusstraße, neuerdings auch nach Köln in die Ehrenstraße, um nur einige Beispiele zu nennen. H&M, Görtz, Nordsee und Co. übernehmen in der immer gleichen, standardisierten Ausprägung die Macht.

Mit der Homogenisierung sinkt die Veränderungsfähigkeit, die Anpassungsfähigkeit, die Konsum-Drehkreuze von heute werden die sterbenden Konsum-Slums von morgen sein. Die kaufkräftige Mittelschicht wird nach den urban gebliebenen Subzentren suchen oder sich für ihre Käufe gleich im nächsten Webshop ein-cocoonen. Wir haben ja genug online-Jakoos, Amazons, E-Bays.

Das ist, zugegeben, eine etwas drastische Polemik gegen die Fußgängerzone. Aber wir werden alle noch die Zeit erleben, wenn die neuen Bürgermeister das Plattenpflaster herausreißen und die Parole ausgeben: “Es lebe die Innenstadt. Wir wollen die Straße wieder haben!”

Großeinzelhandelsfunktionäre wie Hermann Franzen oder Josef Sanktjohanser, beide HDE, wird das zwar ärgern. Aber verhindern werden sie diese Entwicklung weg von der innerstädtischen Monokultur auch nicht.

Mehr zu den ernsthafteren Perspektiven werden Sie in meiner Analyse im Trendletter lesen.