Mit ‘Wissensarbeiter’ getaggte Artikel

Warum Unternehmer eine massive Steigerung der Einwanderung befürworten sollten | Qualifizierte nach Deutschland holen | Wege aus der Demographie-Falle

Donnerstag, 21. Oktober 2010

von Axel Gloger

Lassen Sie sich als Unternehmer nichts vormachen. Das Thema Arbeitskräftemangel wurde nicht erst vorgestern in einem Ministerium erfunden. Es hat auch nicht erst Bedeutung erlangt, seit unsere Politker seit einigen Tagen darüber sprechen. Die Phalanx aus Annette Schavan, Ursula von der Leyen und Rainer Brüderle will jetzt Punkte sammeln: Der Aufschwung brauche Einwanderer, damit die Unternehmen das Plus an Aufträgen auch abarbeiten können, so lautet die Argumentation.

Sie wissen es wahrscheinlich längst aus der Praxis. Der Mangel an Arbeitskräften ist schon lange spürbar, davon künden unbesetzte Lehrstellen ebenso wie lange Suchzeiten für Hochqualifizierte. Zudem war er von jedem, der auch nur das demographische Einmaleins durchrechnen kann, schon lange vorhersehbar.

Status in der Einwanderungsdebatte aus Trendletter-Sicht:

  • Wir brauchen nach Schätzungen des Trendletter mindestens 200.000 hochqualifizierte Einwanderer im Jahr, um auch nur den demographisch bedingten Abgang von Arbeitskräften aus dem arbeitsfähigen Alter auszugleichen.
  • Deutschland hat auf dem internationalen Arbeitskräftemarkt ein ähnliches Image wie Darmstadt. Die USA und England dagegen haben ein Ansehen wie Berlin. Keiner will nach Darmstadt ziehen, aber Berlin gilt als spritzig, attraktiv und cool bei jüngeren Wissensarbeitern.
  • Niemand von den international mobilen, hochqualifizierten Wissensarbeitern wartet darauf, nach Deutschland hereingewunken zu werden. Die begabten Inder etwa vom Indian Institute of Technology gehen, wenn sie ins Ausland abwandern, in die USA. Deutschland kann sich allenfalls einzelner Anwerbungen erfreuen – das sind aber dreistellige Zahlen pro Jahr, nicht mehr.
  • Die deutsche Sprache ist ein Einwanderungs-Hemmnis.
  • Das Argument aus dem Wirtschaftsministerium, wir bräuchten eine “kontrollierte Einwanderung” führt ebenso in die Irre wie die Auffassung der Bundeskanzlerin, erst einmal sollten die Arbeitslosen qualifiziert werden. Darum geht es hier nicht. Selbst wenn wir unsere Grenzen bedingungslos für qualifizierte Einwanderer öffneten, würden wir nicht genug Interesse bekommen. Das zeigen die kläglichen Ergebnisse der Greencard im Jahr 2000, die nur eine Handvoll Inder anzog, die aber unser Land bald wieder verließen.

Ratschlag des Trendletter aus Unternehmer-Sicht: Bleiben Sie am Ball. Lassen Sie sich das Thema Arbeitskräftemangel nicht durch die Politik heißreden. Es war auf der Agenda, ist auf der Agenda und wird auf der Agenda jedes voraus denkenden Unternehmers bleiben. Sie werden sich auch dann noch danach ausrichten, wenn die Politik sich die große Politik längst vom Arbeitskräftemangel und Stuttgart 21 abgewandt hat und inhaltlich woanders shoppen geht, weil das eine höhere Quote bei ARD und SAT1 bringt.

Überdies sollten Sie Ihrer Argumentationslinie noch mehr Öffentlichkeit verschaffen:

  1. Demographie-Management ist keine Einmal-Aufgabe, wenn es gerade passt. Sie sollte zum Staatsziel erhoben werden, wie es bei der 4. Villa Mumm-Konferenz von Fidelity Investment kürzlich diskutiert wurde.
  2. Überdies wird eine einzelne Maßnahme wie Einwanderung nicht ausreichen, um die Wirkungen des demografischen Umbruchs aufzufangen. Wer das verlangt, wirft eine Nebelkerze, die von anderen, unbequem scheinenden Maßnahmen ablenken soll: Wir brauchen ebenso eine Verlängerung des Arbeitslebens über die Pensionsgrenze von 67 Jahren hinaus, eine Beendigung der skandalösen Unternutzung des Potenzials qualifizierter Frauen sowie intelligente Maßnahmen, die unsere Arbeitnehmerschaft über ein verlängertes Arbeitsleben körperlich und mental fit halten.
  3. Ein wesentlicher Arbeitsmarkt sind die Menschen, die ihre dritte Karriere anstreben. Arbeitnehmer im Alter 60plus streben nicht mehr nach dem üblichen Berufsweg mit mehr Sternen auf der Schulter, mehr Untergebenen, mehr Einkommen und mehr Stress. Sie suchen nach einem Tätigkeitsformat, dass ihren Lebensbedürfnissen angepasst ist. Hier hat die Power Age Foundation von Tom Koper eine bemerkenswerte Initiative in Vorbereitung, die im Mai 2011 starten wird – einen Marktplatz, der Kreativität, Intelligenz und Erfahrung jener Menschen für die Gesellschaft erschließt, die ihre zweite Karriere beendet haben (Claim: “Ihre Erfahrung hätten wir gern”).

Weitere Details zum praktischen Vorgehen enthält das Buch des Trendletter-Chefredakteurs Axel Gloger, Titel: “Auf der Jagd nach Spitzenkräften. Die besten Mitarbeiter gewinnen, begeistern und halten” (223 Seiten, Ueberreuter 2002, 24,80 Euro), Link zur Bestellmöglichkeit hier (Klick!).

Wie sich die Arbeitnehmerschaft verändert | Contingent Workforce auf dem Vormarsch

Montag, 19. April 2010

von Axel Gloger

Eine interessante Einsicht aus den USA. Dort gewinnen Zeitarbeit, Projektarbeiter und Interim-Management immer stärker an Gewicht. Zusammengefasst wird dieser Arbeitsmarkt dort “New Workforce” genannt. In Zahlen: 50 Prozent aller Neueinstellungen werden von diesem Markt bestritten, so eine Prognose des Arbeisrechts-Dienstleisters Littler-Mendelson.

Eine andere Prognose geht in die selbe Richtung. Danach wird der Bestand der Management-Arbeitsplätze, die aus der New Workforce besetzt werden, in den kommenden 10 Jahren um 90 Prozent steigen. Das ist sehr deutlich mehr als der allgemeine Anstieg der Beschäftigung, den der Trendletter auf 30 Prozent veranschlagt. Diese Prognose stammt von Staffing Industry Analysts, verantwortlich ist Geschäftsführer Jon Osborne.

Schlussfolgerungen:

  • Aus Unternehmer-Sicht verliert der Einsatz von Arbeitskräften, die ein “Temp” (für: Zeitarbeit) oder “Interim” in ihrer Herkunftsbezeichnung tragen, seinen Hautgout.
  • Mit dem Einsatz der New Workforce entledigen sich Unternehmer der bürokratischen Last der Administration des Beschäftigungsverhältnisses – ein nicht gering zu schätzender Energiegewinn.
  • Mit dem wachsenden Besatz speziell des Marktes für Interim-Management haben Unternehmer mehr Flexibilität und mehr Auswahl an Spezialisten.

Wichtig für die weitere Vorgehensweise aus Unternehmer-Sicht: Vor allem bei Hochqualifizierten sollte in die Stellenbesetzung immer auch die New Workforce einbezogen werden. Das ist vor allem Denkroutine, die sich auch Ihr Personalressort zu eigen machen sollte – neben den anderen Rekrutierungsquellen, die standardmäßig genutzt werden.

Hinweis: In der Trendletter-Ausgabe Mai 2010 weisen wir noch auf einige praktische Details des Einsatzes von Interim-Managern hin, siehe Analyse auf Seite 5. Wenn Sie an einer Probeausgabe des Trendletter interessiert sind, klicken Sie bitte hier!