von Axel Gloger
Lassen Sie sich als Unternehmer nichts vormachen. Das Thema Arbeitskräftemangel wurde nicht erst vorgestern in einem Ministerium erfunden. Es hat auch nicht erst Bedeutung erlangt, seit unsere Politker seit einigen Tagen darüber sprechen. Die Phalanx aus Annette Schavan, Ursula von der Leyen und Rainer Brüderle will jetzt Punkte sammeln: Der Aufschwung brauche Einwanderer, damit die Unternehmen das Plus an Aufträgen auch abarbeiten können, so lautet die Argumentation.
Sie wissen es wahrscheinlich längst aus der Praxis. Der Mangel an Arbeitskräften ist schon lange spürbar, davon künden unbesetzte Lehrstellen ebenso wie lange Suchzeiten für Hochqualifizierte. Zudem war er von jedem, der auch nur das demographische Einmaleins durchrechnen kann, schon lange vorhersehbar.
Status in der Einwanderungsdebatte aus Trendletter-Sicht:
- Wir brauchen nach Schätzungen des Trendletter mindestens 200.000 hochqualifizierte Einwanderer im Jahr, um auch nur den demographisch bedingten Abgang von Arbeitskräften aus dem arbeitsfähigen Alter auszugleichen.
- Deutschland hat auf dem internationalen Arbeitskräftemarkt ein ähnliches Image wie Darmstadt. Die USA und England dagegen haben ein Ansehen wie Berlin. Keiner will nach Darmstadt ziehen, aber Berlin gilt als spritzig, attraktiv und cool bei jüngeren Wissensarbeitern.
- Niemand von den international mobilen, hochqualifizierten Wissensarbeitern wartet darauf, nach Deutschland hereingewunken zu werden. Die begabten Inder etwa vom Indian Institute of Technology gehen, wenn sie ins Ausland abwandern, in die USA. Deutschland kann sich allenfalls einzelner Anwerbungen erfreuen – das sind aber dreistellige Zahlen pro Jahr, nicht mehr.
- Die deutsche Sprache ist ein Einwanderungs-Hemmnis.
- Das Argument aus dem Wirtschaftsministerium, wir bräuchten eine “kontrollierte Einwanderung” führt ebenso in die Irre wie die Auffassung der Bundeskanzlerin, erst einmal sollten die Arbeitslosen qualifiziert werden. Darum geht es hier nicht. Selbst wenn wir unsere Grenzen bedingungslos für qualifizierte Einwanderer öffneten, würden wir nicht genug Interesse bekommen. Das zeigen die kläglichen Ergebnisse der Greencard im Jahr 2000, die nur eine Handvoll Inder anzog, die aber unser Land bald wieder verließen.
Ratschlag des Trendletter aus Unternehmer-Sicht: Bleiben Sie am Ball. Lassen Sie sich das Thema Arbeitskräftemangel nicht durch die Politik heißreden. Es war auf der Agenda, ist auf der Agenda und wird auf der Agenda jedes voraus denkenden Unternehmers bleiben. Sie werden sich auch dann noch danach ausrichten, wenn die Politik sich die große Politik längst vom Arbeitskräftemangel und Stuttgart 21 abgewandt hat und inhaltlich woanders shoppen geht, weil das eine höhere Quote bei ARD und SAT1 bringt.
Überdies sollten Sie Ihrer Argumentationslinie noch mehr Öffentlichkeit verschaffen:
- Demographie-Management ist keine Einmal-Aufgabe, wenn es gerade passt. Sie sollte zum Staatsziel erhoben werden, wie es bei der 4. Villa Mumm-Konferenz von Fidelity Investment kürzlich diskutiert wurde.
- Überdies wird eine einzelne Maßnahme wie Einwanderung nicht ausreichen, um die Wirkungen des demografischen Umbruchs aufzufangen. Wer das verlangt, wirft eine Nebelkerze, die von anderen, unbequem scheinenden Maßnahmen ablenken soll: Wir brauchen ebenso eine Verlängerung des Arbeitslebens über die Pensionsgrenze von 67 Jahren hinaus, eine Beendigung der skandalösen Unternutzung des Potenzials qualifizierter Frauen sowie intelligente Maßnahmen, die unsere Arbeitnehmerschaft über ein verlängertes Arbeitsleben körperlich und mental fit halten.
- Ein wesentlicher Arbeitsmarkt sind die Menschen, die ihre dritte Karriere anstreben. Arbeitnehmer im Alter 60plus streben nicht mehr nach dem üblichen Berufsweg mit mehr Sternen auf der Schulter, mehr Untergebenen, mehr Einkommen und mehr Stress. Sie suchen nach einem Tätigkeitsformat, dass ihren Lebensbedürfnissen angepasst ist. Hier hat die Power Age Foundation von Tom Koper eine bemerkenswerte Initiative in Vorbereitung, die im Mai 2011 starten wird – einen Marktplatz, der Kreativität, Intelligenz und Erfahrung jener Menschen für die Gesellschaft erschließt, die ihre zweite Karriere beendet haben (Claim: “Ihre Erfahrung hätten wir gern”).
Weitere Details zum praktischen Vorgehen enthält das Buch des Trendletter-Chefredakteurs Axel Gloger, Titel: “Auf der Jagd nach Spitzenkräften. Die besten Mitarbeiter gewinnen, begeistern und halten” (223 Seiten, Ueberreuter 2002, 24,80 Euro), Link zur Bestellmöglichkeit hier (Klick!).

